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Musik in der Capoeira

 

In der Capoeira spielt die Musik eine wichtige Rolle; sie ist ein integraler Bestandteil, der nicht wegzudenken ist. Die Musik bestimmt den Rhythmus des „Jogos“, des Spiels der Capoeiristas. Alle Instrumente, die in der Capoeira-Roda benutzt werden, bilden die sogenannte „Bateria“.
Zum Einsatz kommen folgende Instrumente:
Das Berimbau, ein bogenähnliches Holz-Instrument (Verga) mit einem hohlen Kürbiskörper (Cabaça) als Resonazkörper, welches mit einem Metalldraht (Arame) bespannt ist und mit einem Holzstab (Baqueta) und einem Stein/einer Münze (Moeda/Dobrão) angespielt wird. Weiterhin wird noch ein Weidengeflechtkörbchen (Caxixi), welches mit Samenkörnern gefüllt ist, benutzt. Das Berimbau sorgt für den typischen Sound in einer Capoeira-Roda.

Bei den Berimbaus unterscheidet man noch drei verschiedene Größen:
die Gunga (tiefste Stimmlage)
die Medio (mittlere Stimmlage)
die Viola (höchste Stimmlage)

In manchen Gruppen kann man manchmal auch noch die zwei folgenden Cabaça-Varianten sehen:
Berra-Boi (=Muhen des Ochsen), eine sehr tief gestimmte Kalebasse, sogar noch tiefer als die Gunga
Violinha (=kleine Viola), eine sehr kleine Kalebasse mit einer sehr hohen Stimmlage.

Weiterhin zum Einsatz kommt eine konisch zulaufende große Trommel, die Atabaque und zwei Schellentambourine, die Pandeiros. In einer Capoeira Regional Bateria kommen in der Regel diese drei Instrumente vor; im Capoeira Angola werden weiterhin auch noch das Agogô (zweitöniges Glockenspiel) und das Rêco-Rêco (Holzbratsche) eingesetzt.

Die Instrumente fangen zum Beginn einer Roda in folgender Reihenfolge an zu spielen:
Berimbaus Gunga-Medio-Viola, Pandeiro(s), Atabaque, Agogô und Rêco-Rêco (wenn vorhanden), dann setzt der Klatschrhythmus (Palmas) ein. Daraufhin folgt vom Leiter der Roda (der höchst-graduierte anwesende Capoeirista), der die Berimbau (Gunga oder Viola) spielt, der erste „Corrido“ (erstes durchlaufendes Lied).

Traditionell wäre folgender Ablauf:
Danach beginnt der Vorsänger mit einem Lied, der sogenannten Ladainha (Klagelied) – hier dann noch ohne Klatschen. Ladainhas sind meist längere, getragene oder melancholische Lieder, die Trauer um einen Meister/verstorbenen Capoeirista, Heimweh oder Liebe beinhalten können.
Ladainhas treten meist in Rodas des Capoeira Angolas auf; in Regional-Rodas trifft man zumeist auf sogenannte „Quadras“ (erfunden von Mestre Bimba), die ihren Namen dadurch erhielten, da sie meistens aus vier (portugiesisch: quatrain=Vierzeiler) Versen bestehen. Wenn die Ladahina/Quadras abgeklungen ist/sind, beginnt der Vorsänger mit der sogenannten Chula (Angola), welche ihren Ursprung im Samba hat, oder der sogenannten „Louvação“ (=Lob, Lobpreisung), die in Rodas des Regional auftaucht, inhaltlich aber identisch mit der Chula des Angolas ist. In der Chula/Louvação spricht der Vorsänger eine Lobpreisung aus auf Gott, seinen Meister, bekannte Capoeiristas, wichtige Städte/Orte des Capoeira oder alles andere, dem er eine Lobpreisung zukommen lassen will. Die Chula/Louvação  beginnt mit dem typischen „ Iê,....“ des Vorsängers und endet mit dem Chor, der den Vers wiederholt und mit „....camara“ abschließt.
Dann stimmt der Vorsänger den ersten Corrido (durchlaufendes Lied) an; dabei gibt es einen Refrain (Coro), der von den Capoeiristas in der Roda wiederholt wird; auch das Klatschen setzt bei den Corridos ein. Der Inhalt dieser Lieder kann sehr vielfältig sein und kann unter Umständen den Spielern in einer Roda etwas mitteilen (z.B. langsamer zu spielen, wenn sich die Gemüter der Capoeiristas erhitzt haben, u.v.a).
Die Bedeutung dieser Corridos kann sehr vielseitig sein, und ein guter Capoeirista weiß um deren gut ge-“timten“ Einsatz in einer Roda.
Auf den ersten Corrido folgt der zweite usw; es entsteht dabei ein zyklisches Durchlaufen der Corridos.
Durch den Gesang der Capoeiristas, zusammen mit dem Spiel der Instrumente, soll eine positive Energie, welche die Capoeiristas „Axé“ nennen, auf die Spieler in der Roda übertragen werden, und sie so zu einem „energiereicheren“ Spiel animieren.
Das „Axé“ ist sehr wichtig für eine Roda; die Capoeirstas sagen auch :“  gutes Axé – gute Roda, schlechtes Axé – schlechte Roda“.
Das Hauptinstrument bleibt aber immer noch das Berimbau, welches den Rhythmus und so auch die Spielgeschwindigkeit des Spiels/ der Spieler bestimmt. Das Berimbau kann nicht nur in der Geschwindigkeit variieren, sondern es können auch komplett andere Rhythmen, sogenannte „Toques“ gespielt werden, die jeder für sich zu unterschiedlichen Begebenheiten gespielt werden und auch ein für sie charakteristisches Spiel verlangen (können). Zu den bekanntesten Toques gehören unter anderem:

Angola
São Bento Pequeno de Angola
São Bento Grande de Angola
Sao Bento Grande de Regional/ Regional de Meste Bimba (auch als Regional-Rhytmus bekannt)
Iúna
Benguela/Banguela
Cavalaria
Amazonas
Santa Maria
Samba de Roda
Idalina

Dabei werden die Toques „Angola“, „São Bento Pequeno de Angola“ und
„São Bento Grande de Angola“ immer in einer Angola-Roda gespielt (Gunga, Medio, Viola). Beim Spiel des Angola wird normalerweise nicht geklatscht; aber es gibt einige (wenige) Gruppen, welche dies doch machen. Der Toque „São Bento Grande de Angola“ wird auch in vielen Regional-Rodas als Hauptrhytmhus gespielt. Andere Regional-Gruppen spielen dahingegen aber den Toque „São Bento Grande de Regional/Bimba“ als Hauptrhythmus in einer Regional-Roda.
Der Rhythmus „Banguela/Benguela“ (=“zahnloses Spiel“) wird auch als „Angola des Regionals „ bezeichnet, denn hier wird ähnlich wie in einer Angola-Roda langsamer und tiefer am Boden gespielt; dabei versuchen die Spieler runde Bewegungen zu machen und umeinander herum zu spielen; deshalb sind direkte Angriffe/Tritte und Rasteiras verpönt, da sie den Fluss dieser Spielart unterbrechen würden. Akrobatische Bewegungen sind hier auch nicht gerne gesehen, es sei denn es handelt sich um Bodenakrobatik.
Beim Toque „Iúna“ dürfen nur hochgraduierte Capoeiristas wie Mestres, Contre-Mestres, Professores, Instrutores und manchmal auch Monitores/Graduados spielen. Diese sollen dabei ihr bestes Spiel zeigen; kraftvolles dynamisches Spiel und Akrobatik sind erwünscht. Typisch für ein „Jogo de Iúna“ sind auch die „Cintura desprezada“-Bewegungen (=“verachtete/verschmähte Hüfte“) oder die sogenannten „Balões“ (=Ballons). Dies sind Bewegungen, wo einer der Spieler versucht den anderen hoch in die Luft zu schleudern (wobei er oft versucht unter den anderen zu kommen, um sich dann plötzlich aufzurichten), während der hochgeschleuderte versucht, wieder auf den Beinen zu landen. Mestre Bimba dachte sich diese Bewegungen aus, um seine Schüler dazu zu zwingen, immer wieder auf den Beinen zu landen, selbst wenn sie mal, gesetz des Falles, in die Luft geschleudert werden sollten. Beim Toque Íuna wird nicht gesungen (aber manchmal geklatscht). Manchmal wird bei diesem Toque (oft bei Shows oder Workshops) nicht miteinander gespielt, sondern die Spieler zeigen dabei eine Einzelperformance ihrer besten und schönsten Bewegungen (Capoeira-Solos).
Der Toque „Cavalaria“ ist ein sehr alter Toque und bezieht sich dabei auf die berittene Polizei (Kavallerie=cavalaria), die in der alten Zeit oft Capoeira-Rodas zerschlagen hat. Damit sollte in jener Zeit vor eben dieser Kavallerie gewarnt werden. Heute wird mit diesem Toque keine eigene Spielart mehr verbunden. In Brasilien, wo es noch oft Straßenrodas gibt, wird der Toque manchmal gespielt, um anzuzeigen, wenn sich Touristen (mit vermutlich viel Geld) nähern.
Der Toque „Samba de Roda“ ist eine Erfindung von Mestre Cajiquinha und wird nach Abschluss einer Regional-Roda gespielt, wenn der Samba „im Kreis“ beginnt.
Der Toque „Amazonas“ ist ein sehr feierlicher Toque und wird meistens auf „Batizados“ (Taufen)gespielt, um fremde Meister und ihre Schüler zu begrüßen. Eine spezielle Spielart wird mit diesem Rhythmus normalerweise nicht (mehr) verbunden. Nur in der Capoeira-Gruppe ABADA wird damit noch eine Spielart verbunden: Mestre Camisa (ABADA) führte diese Spielart ein, wo seine Schüler versuchen müssen, Bewegungen bestimmter Tierarten zu imitieren.
Der Toque „Idalina“ ist heute ein sehr selten gespielter Rhythmus. In der alten Zeit wurde er häufiger gespielt, wobei die beiden Spieler Rasiermesser zwischen ihre Zehen steckten und dann versuchten, damit ihren Gegenspieler zu treffen (wahrscheinlich versuchten sie nicht wirklich zu treffen, sondern nur anzutäuschen).
Der Toque „Santa Maria“ (machmal auch als Toque „Apanha laranjo no chão“  bezeichnet [Angola]). Hierbei gibt es historisch zwei Varianten. In der ersten wurde eine Orange auf den Boden gelegt, wobei beide Spieler versuchten, diese mit dem Mund aufzunehmen (andere Körperteile durften diese nicht berühren), und wem dies gelang, der gewann das Spiel. Daher auch manchmal die Bezeichnung „Apanha a laranja no  chão (=“nimm die Orange vom Boden auf“). Bei der anderen Variante wurde ein kleines Säckchen auf den Boden gelegt, in dem sich Geld befand. Auch hier durfte das Säckchen weder mit Beinen, Armen oder anderen Körperteilen berührt werden, sondern nur mit dem Mund. Wem es gelang, es mit dem Mund aufzunehmen, der durfte das darin befindliche Geld behalten. In einigen Quellen wird dieser Toque auch dem „Rassiermesser-Spiel“ (Idalina) zugeordnet. Heute wird mit diesem Toque meistens keine spezielle Spielart mehr verbunden. Mestre Bimba erweiterte diesen Toque zur „O Hino da Capoeira Regional (de Mestre Bimba)“ (Die Hymne des Capoeira Regionals). Einge wenige Gruppen verwenden diesen Toque also als solche Hymne und spielen sie immer vor jedem Training, wobei vor allem Mestre Bimba gedacht werden soll. Einige andere Gruppen verwenden sie ähnlich wie den Toque Amazonas als feierlichen Toque bei Feiern, Batizados u.a. speziellen Anlässen.

Es existieren noch einige weitere Toques, die aber sehr gruppen-individuell sind und somit keine große Rolle spielen. Die wichtigten sind die hier genannten Toques.